Die Art und Weise des Übens –
Der Weg

Yoga war ursprünglich ein sehr umfangreicher und vielfältiger Schulungsweg, der aus dem alten Indien zu uns in den Westen kam und vor allem durch die körperlichen Übungen und Meditations- und Entspannungstechniken für viele Menschen sehr interessant wurde als Ausgleich zu einem zunehmend anstrengenderen Alltag.

Der Neue Yogawille nach Heinz Grill versucht nun einen zeitgemäßen Entwicklungsweg durch Yoga zu ermöglichen, der auf dem anthroposophischen Menschenbild nach Rudolf Steiner beruht und somit den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet. Durch die hier angewandte Übweise soll der Mensch nicht nur Erholung vom Alltag erfahren, sondern insgesamt in seinem Sein erkraften.

„Die Yogaübungsweise ist ein Schulungsweg, der denjenigen, der sich auf diese Weise denkend und praktizierend mit den Inhalten auseinandersetzt, den seelischen und geistigen Welten näher bringt und die gewonnenen Erfahrungen auf tiefere Weise an das Leben heranbildet, sie greifbar macht und für das Leben ein lichteres und kreativeres Empfinden schenkt. Indem die Praktizierenden dieses Yoga das Seelenleben tiefgründiger kennenlernen, ausgestalten und gleichzeitig klare Kräfte des Denkens, Fühlens und der Handlungszielstrebigkeit entwickeln, können sie sich leichter von äußeren Zwängen befreien, sie können überkommende, von außen auferlegte Moralvorstellungen in ihrem wahren Sinn deuten und schließlich in ihrem Leben aus eigener Erfahrung eine Orientierung im Geiste mit größerer Verantwortung beginnen. Das entwickelte Seelenleben aus profunden Tiefen macht den Menschen selbständiger, unbeeinflussbarer von außen und kreativer für die Beziehungsaufnahme zu den verschiedenen Verhältnissen des Daseins.“

Aus: „Die Seelendimension des Yoga-
Praktische Grundlagen zu einem sprituellen Übungsweg“, Heinz Grill

Wie entsteht ein rhythmischer Aufbau?

„Eine asana ist immer eine stillstehende Bewegung, eine gewordene Form, in die der Körper auf sehr bewusste Weise hineingeführt wird. Die asana unterliegt aber einem rhythmischen Aufbau, denn ihr geht eine dynamische Phase voraus und es folgt ihr ebenfalls eine beschließende nach. So gesehen besteht jede asana, jede Körperübung des Yoga aus drei sehr klaren und bewusst erlebten Einzelschritten: die beginnende Phase, die Ruhephase und die wieder zurückkehrende beschließende Phase.“

Aus: „Die Seelendimension des Yoga-
Praktische Grundlagen zu einem sprituellen Übungsweg“, Heinz Grill

Wird in der Ausführung der Übungen auf diesen Aufbau geachtet, ergibt sich im Erleben schon eine natürliche Ordnung. Die Übungen beginnen bereits vor der körperlichen Ausführung mit der gedanklichen Vorstellungs- oder auch direkten Anschauungsbildung. Nicht ohne Vorbereitung begibt man sich in die asana, sondern erst, wenn man weiß, worum es geht. Das bedeutet nicht, dass ein anfängliches und durchaus auch spielerisches Versuchen, eine Art forschendes Ausprobieren nicht möglich wäre, solange man dabei das Ziel einer guten Kenntnis der Übung nicht ganz unbeachtet lässt.

Hat man eine möglichst gute Vorstellung dessen, was körperlich zu tun ist, oder über den Inhalt, der zum Ausdruck kommen soll, beginnt man mit der dynamischen Phase, die eine vom Bewusstsein geführte Beziehungsaufnahme einerseits zur Übung andererseits aber noch direkter zum Körper darstellt. Möglichst exakt führt man den Körper in die gewünschte Position, koordiniert die einzelnen Bewegungsabläufe nach den persönlichen Gegebenheiten und nimmt die Position ein, die möglich ist – nicht immer ist dies die vollständige Ausführung einer asana. Denn wichtiger als die sofortige Perfektion erscheint auf diesem Weg die ruhige Führung, die man nicht verlieren sollte. So geht man in aller Regel schrittweise vor, hält auf dem Weg zur Endposition immer wieder inne, um sich eine gute Übersicht über die Spannungsverteilung im Körper zu verschaffen und gegebenenfalls etwa Fixierungen zu lockern oder an der richtigen Stelle spannkräftig neu nachzuformen.

Hat man schließlich die asana nach den eigenen Möglichkeiten ausgestaltet und ist in der Ruhephase körperlich ganz regungslos, kann sehr deutlich der wachsame Bewusstseinsvorgang beobachtet werden. Das Bewusstsein bleibt rege tätig, wendet sich dem Körper wie einer Art Objekt zu und sorgt dafür, dass die Stellung über die konkrete Willensführung gehalten werden kann. Einzelne Körperregionen können gezielt in die Aufmerksamkeit genommen werden und damit verbundene Empfindungen kommen in dieser ruhigen Übersicht zum Tragen. Sie können erst in dieser Ruhe wahrgenommen werden. Über das Bewusstsein schafft man somit eine Beziehung zur Übung und zu den Empfindungen, schafft ein beziehungsfreudiges seelisches Wahrnehmen.

Auch die beschließende Phase wird ganz bewusst und ruhig geführt, sodass die Stellung in den meisten Fällen so verlassen wird, wie man sie bezogen hat. So ist rückwirkend ein Erleben möglich, das die Lebenskräfte dadurch nachhaltig stärkt, dass eine Sache begonnen, durchgeführt und auch abgeschlossen wird. Man verliert sich nicht in Einzelheiten oder zu sehr im eigenen Körperlichen, kann zur āsana vielmehr eine objektive Beziehung eingehen, die sich im Konkreten ausdrückt. Die Ausführung der āsana ermöglicht auf diese Art das gesundende Erleben eines Prozesses, der einen Anfang und ein Ende hat, mit klaren Phasen unterschiedlicher Dynamik.

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